Selbstwertgefühl: Was ist das, wie entsteht es und was beeinflusst deinen Selbstwert?
Was ist Selbstwertgefühl?
Selbstwertgefühl beschreibt, wie du dich selbst bewertest und welchen Wert du dir als Person zuschreibst. Es zeigt sich darin, wie du über dich denkst, wie du mit deinen Stärken und Schwächen umgehst und wie stabil dein Gefühl für den eigenen Wert bleibt, wenn du Fehler machst, Kritik erfährst oder etwas nicht gelingt.
Dein Selbstwertgefühl betrifft damit nicht nur einzelne Fähigkeiten oder Eigenschaften. Es berührt die grundlegendere Frage, wie du dich selbst als Person siehst und bewertest. Ein Fehler kann beispielsweise einfach ein Fehler bleiben – oder sich innerlich plötzlich wie ein Beweis dafür anfühlen, nicht gut genug zu sein.
Gerade daran lässt sich erkennen, dass Selbstwert nicht ausschließlich davon abhängt, was tatsächlich geschieht. Entscheidend ist auch, welche Bedeutung du einer Erfahrung für dich selbst gibst. Zwei Menschen können dieselbe Kritik erhalten und völlig unterschiedlich darauf reagieren. Während der eine darüber nachdenkt, was er daraus mitnehmen kann, beginnt der andere vielleicht, an sich selbst zu zweifeln.
Ein stabiles Selbstwertgefühl bedeutet nicht, dass du dich immer gut findest oder nie an dir zweifelst. Es bedeutet vielmehr, dass dein grundsätzlicher Wert als Mensch nicht jedes Mal ins Wanken gerät, wenn dir etwas misslingt, jemand dich kritisiert oder du nicht den Erwartungen anderer entsprichst.
Das Selbstwertgefühl ist außerdem nichts vollkommen Starres. Es entwickelt sich über Erfahrungen und kann in verschiedenen Lebensbereichen unterschiedlich stabil sein. Manche Menschen erleben sich beispielsweise beruflich als kompetent und sicher, reagieren aber in engen Beziehungen sehr empfindlich auf Ablehnung. Andere zweifeln besonders dann an sich, wenn Leistung bewertet oder mit anderen verglichen wird.
Um zu verstehen, warum der eigene Selbstwert heute an bestimmten Stellen stabil und an anderen besonders verletzlich ist, lohnt sich deshalb der Blick darauf, wie Selbstwertgefühl überhaupt entsteht.
Wie entsteht Selbstwertgefühl?
Selbstwertgefühl entsteht im Zusammenspiel aus frühen Beziehungserfahrungen, Rückmeldungen anderer, eigenen Erfahrungen und der Art, wie du diese Erlebnisse bewertest. Seine Grundlagen entwickeln sich bereits in der Kindheit, doch auch spätere Beziehungen, Erfolge, Misserfolge und persönliche Erfahrungen können beeinflussen, wie du dich selbst siehst und welchen Wert du dir zuschreibst.
Als Kind kannst du deinen eigenen Wert noch nicht unabhängig beurteilen. Du orientierst dich zunächst stark daran, wie wichtige Bezugspersonen auf dich reagieren. Wirst du wahrgenommen, ernst genommen und angenommen? Darfst du Fehler machen? Erlebst du Zuwendung auch dann, wenn du nicht funktionierst oder Erwartungen erfüllst? Solche Erfahrungen können daran mitwirken, welches Bild du nach und nach von dir selbst entwickelst.
Dabei geht es nicht darum, dass Eltern oder andere Bezugspersonen immer alles richtig machen müssten. Entscheidend ist vielmehr das Gesamtbild vieler Erfahrungen. Ein Kind kann beispielsweise lernen: „Ich bin auch dann in Ordnung, wenn mir etwas misslingt.“ Es kann aber auch zunehmend den Eindruck entwickeln, Anerkennung vor allem dann zu bekommen, wenn es leistet, sich anpasst oder möglichst wenig Schwierigkeiten macht.
Aus Erfahrungen können mit der Zeit innere Bewertungen werden. Aus „Jemand war enttäuscht von mir“ kann beispielsweise „Ich enttäusche andere“ werden. Aus „Diesmal war ich nicht gut genug vorbereitet“ kann sich „Ich bin nicht gut genug“ entwickeln. Genau dieser Schritt – vom einzelnen Erlebnis zur Bewertung der eigenen Person – kann für den Selbstwert besonders bedeutsam sein.
Mit zunehmendem Alter kommen weitere Einflüsse hinzu. Schule, Freundschaften, erste Beziehungen, Leistung, Zugehörigkeit, Ausgrenzung, Anerkennung oder wiederholte Kritik liefern neue Erfahrungen darüber, wie du dich im Verhältnis zu anderen erlebst. Gleichzeitig entsteht immer stärker eine eigene innere Stimme, mit der du dich beurteilst.
Deshalb lässt sich Selbstwertgefühl nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. Es entwickelt sich über viele Erfahrungen hinweg und kann sich auch später weiter verändern. Frühere Prägungen können eine wichtige Grundlage bilden, aber sie legen nicht unveränderlich fest, wie du dich dein ganzes Leben lang bewerten wirst.
Welche Rolle spielt die Kindheit für das Selbstwertgefühl?
Die Kindheit spielt für die Entwicklung des Selbstwertgefühls eine wichtige Rolle, weil Kinder zunächst stark auf die Reaktionen ihrer Bezugspersonen angewiesen sind. Sie lernen erst nach und nach, sich selbst einzuordnen. Dabei können sie aus dem Verhalten anderer Rückschlüsse darauf ziehen, ob ihre Bedürfnisse wichtig sind, ob sie dazugehören und ob sie auch dann angenommen werden, wenn sie Fehler machen oder Erwartungen nicht erfüllen.
Besonders bedeutsam kann sein, ob Anerkennung an Bedingungen geknüpft erlebt wird. Bekommt ein Kind beispielsweise besonders viel Aufmerksamkeit, wenn es gute Leistungen bringt, angepasst ist oder für andere funktioniert, kann sich allmählich die Vorstellung entwickeln: „Ich bin wertvoll, wenn ich etwas leiste.“ Ein anderes Kind könnte lernen: „Ich darf nicht widersprechen, sonst werde ich abgelehnt.“
Ein niedriger Selbstwert lässt sich deshalb nicht einfach auf „die Eltern“ oder ein einzelnes Erlebnis zurückführen. Entscheidend ist das Zusammenspiel vieler Erfahrungen, der individuellen Verarbeitung und späterer Erlebnisse. Auch Geschwister, Gleichaltrige, Schule und andere wichtige Bezugspersonen können die Entwicklung des Selbstwertgefühls beeinflussen.
Auch Vergleiche können früh eine Rolle spielen. Aussagen wie „Schau mal, wie gut dein Bruder das kann“ oder wiederholte Erfahrungen, nicht dazuzugehören, können eine andere Bedeutung bekommen als eine einzelne kritische Bemerkung. Entscheidend ist, welche Schlussfolgerungen ein Kind daraus über sich selbst zieht und ob sich ähnliche Erfahrungen wiederholen.
Genauso wichtig sind jedoch stärkende Erfahrungen. Ernst genommen zu werden, eigene Entscheidungen ausprobieren zu dürfen, Unterstützung nach einem Fehler zu erfahren oder zu erleben, dass Zuneigung nicht von Leistung abhängt, kann dazu beitragen, ein stabileres Gefühl für den eigenen Wert zu entwickeln.
Die Kindheit schafft damit wichtige Grundlagen, ist aber kein unveränderliches Schicksal. Auch im Erwachsenenalter sammeln wir Erfahrungen, die bestehende Selbstbewertungen bestätigen, infrage stellen oder verändern können. Deshalb lohnt sich als Nächstes der Blick darauf, welche Faktoren den Selbstwert auch später immer wieder beeinflussen.
Was beeinflusst deinen Selbstwert?
Dein Selbstwert wird nicht von einem einzigen Faktor bestimmt. Erfahrungen in Beziehungen, Rückmeldungen anderer, Leistung, soziale Vergleiche und die Art, wie du mit dir selbst sprichst, können beeinflussen, wie stabil oder verletzlich du deinen eigenen Wert erlebst. Dabei ist nicht nur entscheidend, was geschieht, sondern auch, welche Bedeutung du einer Erfahrung für dich selbst gibst.
Manche Einflüsse wirken nur für einen Moment. Andere wiederholen sich über Jahre und können sich zu festen inneren Maßstäben entwickeln. Besonders empfindlich kann der Selbstwert dort werden, wo du gelernt hast, deinen Wert an bestimmte Bedingungen zu knüpfen.
Leistung und Erfolg
Anerkennung für eine gute Leistung kann guttun. Schwierig wird es vor allem dann, wenn daraus innerlich die Gleichung entsteht: „Ich bin wertvoll, wenn ich erfolgreich bin.“ Ein Misserfolg betrifft dann nicht mehr nur das Ergebnis, sondern schnell die Bewertung der eigenen Person.
Kritik und Ablehnung
Kritik kann sehr unterschiedlich erlebt werden. Ein stabilerer Selbstwert macht es eher möglich, zwischen „Jemand kritisiert etwas, das ich getan habe“ und „Mit mir stimmt etwas nicht“ zu unterscheiden. Wird Kritik dagegen schnell als persönliche Abwertung erlebt, kann sie den Selbstwert stärker treffen.
Beziehungen und Anerkennung
Wertschätzung, Zugehörigkeit und verlässliche Beziehungen können das Erleben des eigenen Wertes unterstützen. Wird der Selbstwert jedoch stark davon abhängig, gebraucht, geliebt oder bestätigt zu werden, kann bereits Distanz oder Zurückweisung große Selbstzweifel auslösen.
Vergleiche mit anderen
Vergleiche können Orientierung geben, aber auch zu einem ständigen inneren Wettbewerb werden. Wer den eigenen Wert daran misst, attraktiver, erfolgreicher, beliebter oder leistungsfähiger als andere zu sein, findet fast immer jemanden, der scheinbar mehr zu bieten hat.
Die eigene innere Bewertung
Nicht jede Selbstabwertung kommt heute noch unmittelbar von außen. Frühere Bewertungen können mit der Zeit Teil des eigenen inneren Dialogs werden. Dann braucht es möglicherweise niemanden mehr, der sagt „Das reicht nicht“ – weil du diesen Maßstab längst selbst übernommen hast.
Auch gesellschaftliche Vorstellungen können solche Maßstäbe verstärken. Erwartungen an Aussehen, Erfolg, Leistungsfähigkeit, Beziehungen oder Lebenswege vermitteln schnell den Eindruck, es gäbe bestimmte Voraussetzungen dafür, „richtig“ oder erfolgreich genug zu sein. Besonders soziale Medien können solche Vergleiche verstärken. Dort sehen wir häufig nur ausgewählte Momentaufnahmen – glückliche Beziehungen, Erfolge, Reisen oder besonders schöne Augenblicke. Was schwierig ist, nicht funktioniert oder hinter diesen Bildern passiert, bleibt dagegen oft unsichtbar. So kann leicht der Eindruck entstehen, das Leben anderer sei glücklicher, erfolgreicher oder problemloser als das eigene.
Das bedeutet jedoch nicht, dass dein Selbstwert jeder äußeren Rückmeldung hilflos ausgeliefert ist. Entscheidend ist zunehmend auch, auf welcher Grundlage du dich selbst bewertest. Je stärker dein eigener Wert ausschließlich an einzelne Bedingungen gebunden ist, desto leichter kann er ins Wanken geraten, wenn genau diese Bedingungen wegfallen.

Was sind die Säulen des Selbstwertgefühls?
Die Säulen des Selbstwertgefühls beschreiben grundlegende Bereiche, die dazu beitragen können, wie ein Mensch sich selbst bewertet und mit sich umgeht. Dazu gehören je nach Modell beispielsweise Selbstannahme, Eigenverantwortung, die Fähigkeit, für sich selbst einzustehen, das Leben an eigenen Werten auszurichten und möglichst im Einklang mit diesen Werten zu handeln. Es gibt allerdings nicht nur ein einziges Säulenmodell – deshalb findest du unterschiedliche Einteilungen mit drei, vier oder sechs Säulen.
Die Vorstellung von „Säulen“ macht etwas Komplexes anschaulicher: Selbstwert beruht nicht nur darauf, ob du dich gerade gut oder schlecht fühlst. Entscheidend ist unter anderem, wie du dich selbst behandelst, wie du mit deinen Bedürfnissen umgehst, wie abhängig deine Selbstbewertung von äußerer Bestätigung ist und ob du dich als handlungsfähig in deinem eigenen Leben erlebst.
Was sind die 6 Säulen des Selbstwertgefühls?
Eine bekannte Einteilung stammt vom Psychotherapeuten und Autor Nathaniel Branden. Er beschreibt sechs Praktiken, die er als Grundlagen eines gesunden Selbstwertgefühls versteht. Dabei geht es nicht um sechs Eigenschaften, die ein Mensch entweder besitzt oder nicht besitzt, sondern um Haltungen und Verhaltensweisen, die sich im Alltag zeigen.
1. Bewusst leben
Wahrnehmen, was in dir und um dich herum geschieht, und bereit sein, dich mit der Realität auseinanderzusetzen – auch dann, wenn etwas unangenehm ist oder nicht zu dem passt, was du dir gewünscht hast.
2. Sich selbst annehmen
Die eigene Person mit ihren Stärken, Schwächen, Gefühlen und Erfahrungen anzuerkennen. Selbstannahme bedeutet dabei nicht, alles an sich gutzuheißen oder nichts mehr verändern zu wollen.
3. Eigenverantwortung übernehmen
Verantwortung für eigene Entscheidungen, Bedürfnisse und Handlungen zu übernehmen und sich als jemand zu erleben, der das eigene Leben innerhalb seiner Möglichkeiten mitgestalten kann.
4. Für sich selbst einstehen
Eigene Bedürfnisse, Werte und Grenzen ernst zu nehmen, die eigene Meinung ausdrücken zu dürfen und sich nicht ausschließlich danach auszurichten, was andere erwarten oder gutheißen.
5. Zielgerichtet leben
Eigene Ziele zu entwickeln und das eigene Handeln bewusst daran auszurichten. Dazu gehört auch, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung dafür zu übernehmen, welche Richtung das eigene Leben nehmen soll.
6. Persönliche Integrität
Das eigene Verhalten möglichst mit den persönlichen Werten und Überzeugungen in Einklang zu bringen. Wenn das, was du tust, dauerhaft dem widerspricht, wofür du eigentlich stehen möchtest, kann sich das auch auf die Bewertung deiner eigenen Person auswirken.
Die sechs Bereiche zeigen, dass Selbstwert in diesem Modell weit über positive Gedanken über sich selbst hinausgeht. Es geht auch darum, wie du mit dir selbst und deinem Leben umgehst: ob du dich wahrnimmst und annimmst, Verantwortung übernimmst, für dich einstehst und dein Handeln mit deinen eigenen Werten verbindest.
Warum gibt es unterschiedliche Säulenmodelle?
Wenn du nach den Säulen des Selbstwertgefühls suchst, stößt du nicht nur auf sechs, sondern auch auf drei oder vier Säulen. Das liegt daran, dass „die Säulen des Selbstwertgefühls“ kein einheitliches, allgemein verbindliches psychologisches Modell bezeichnen. Verschiedene Ansätze ordnen und benennen die Bestandteile des Selbstwerts unterschiedlich.
Manche Modelle fassen mehrere Aspekte zusammen, andere unterscheiden sie stärker voneinander. Deshalb bedeutet eine unterschiedliche Anzahl von Säulen nicht automatisch, dass ein Modell richtig und ein anderes falsch ist. Wichtig ist immer, auf welches Modell sich die jeweilige Darstellung bezieht.
Für deinen eigenen Selbstwert ist deshalb weniger entscheidend, ob ein Modell drei, vier oder sechs Säulen nennt. Interessanter ist die Frage: Worauf stützt sich dein Gefühl für deinen eigenen Wert – und was passiert damit, wenn Leistung, Anerkennung, Attraktivität, Erfolg oder die Zustimmung anderer einmal wegfallen?
Gerade daran kann sichtbar werden, wie stabil oder abhängig der eigene Selbstwert ist. Wenn du deinen Wert beispielsweise fast ausschließlich daraus ableitest, etwas besonders gut zu können, gebraucht zu werden oder Anerkennung zu erhalten, kann genau dieser Bereich besonders verletzlich werden.
Ein stabileres Selbstwertgefühl bedeutet deshalb nicht, möglichst viele äußere Grundlagen aufzubauen. Es bedeutet vielmehr, den eigenen Wert nicht ausschließlich von einzelnen Bedingungen abhängig zu machen.
Woran erkennt man ein stabiles Selbstwertgefühl?
Ein stabiles Selbstwertgefühl zeigt sich daran, dass dein grundlegendes Gefühl für den eigenen Wert nicht ständig davon abhängt, ob du erfolgreich bist, Zustimmung bekommst oder alles richtig machst. Du kannst Fehler, Kritik oder Ablehnung erleben, ohne daraus automatisch abzuleiten, dass mit dir als Person etwas nicht stimmt.
Das bedeutet nicht, dass Kritik nicht verletzen darf oder ein Misserfolg spurlos an dir vorbeigeht. Auch Menschen mit einem stabileren Selbstwert zweifeln an sich, sind enttäuscht oder vergleichen sich mit anderen. Der Unterschied liegt eher darin, wie weit eine einzelne Erfahrung die gesamte Bewertung der eigenen Person erfasst.
Du kannst beispielsweise feststellen: „Das habe ich nicht gut gemacht“, ohne daraus „Ich bin nicht gut genug“ zu machen. Du kannst eine andere Meinung aushalten, ohne sofort an dir zu zweifeln. Und du kannst Anerkennung genießen, ohne sie ständig zu benötigen, um dich wertvoll zu fühlen.
Ein stabiler Selbstwert zeigt sich nicht darin, niemals unsicher zu sein. Er zeigt sich vielmehr darin, dass Unsicherheit, Fehler oder die Meinung anderer nicht jedes Mal darüber entscheiden, wie du dich als Mensch bewertest.
Was kann das Selbstwertgefühl schwächen?
Das Selbstwertgefühl kann besonders dann geschwächt werden, wenn der eigene Wert wiederholt an Bedingungen geknüpft wird. Häufige Abwertung, starke Kritik, Ausgrenzung, belastende Beziehungserfahrungen, ständige Vergleiche oder die Erfahrung, nur durch Leistung oder Anpassung Anerkennung zu erhalten, können dabei eine Rolle spielen.
Nicht jedes negative Erlebnis führt automatisch zu einem niedrigen Selbstwertgefühl. Menschen verarbeiten Erfahrungen unterschiedlich, und auch unterstützende Beziehungen oder spätere positive Erfahrungen können eine wichtige Rolle spielen. Problematisch kann es vor allem werden, wenn sich bestimmte Botschaften wiederholen und irgendwann zu einer eigenen inneren Bewertung werden.
Dann wird aus einer äußeren Erfahrung möglicherweise ein innerer Maßstab: Du musst leisten, um wertvoll zu sein. Du darfst niemanden enttäuschen. Du musst gebraucht werden. Du musst attraktiv sein. Du darfst keine Schwäche zeigen. Solche Bedingungen machen den Selbstwert verletzlich, weil das Gefühl für den eigenen Wert davon abhängt, ob du sie gerade erfüllen kannst.
Auch einschneidende Veränderungen können einen bisher stabil wirkenden Selbstwert erschüttern. Eine Trennung, der Verlust einer beruflichen Rolle, wiederholte Zurückweisung oder das Gefühl, plötzlich nicht mehr gebraucht zu werden, kann besonders dann treffen, wenn ein großer Teil der eigenen Selbstbewertung genau an diesem Lebensbereich hing.
Was den Selbstwert schwächt, ist deshalb nicht immer nur das Ereignis selbst. Entscheidend kann auch sein, welche Bedeutung du daraus für dich ableitest: „Etwas ist gescheitert“ ist etwas anderes als „Ich bin gescheitert“.
Was ist der Unterschied zwischen Selbstwert und Selbstwertgefühl?
Selbstwert und Selbstwertgefühl werden im Alltag häufig gleichbedeutend verwendet. Mit Selbstwert ist meist die Bewertung der eigenen Person gemeint, während Selbstwertgefühl stärker das subjektive Erleben dieser Bewertung beschreibt. In vielen psychologischen und alltäglichen Zusammenhängen werden beide Begriffe jedoch nicht streng voneinander getrennt.
Für das Verständnis deines eigenen Selbstwerts ist diese sprachliche Unterscheidung deshalb weniger wichtig als die Frage, wie du dich selbst bewertest und wovon diese Bewertung abhängig ist. Genau darum geht es, wenn in diesem Artikel vom Selbstwert oder Selbstwertgefühl die Rede ist.
Was ist der Unterschied zwischen Selbstwert, Selbstliebe und Selbstvertrauen?
Selbstwert beschreibt die Bewertung der eigenen Person, Selbstvertrauen das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Selbstliebe eine wertschätzende und fürsorgliche Haltung sich selbst gegenüber. Die drei Begriffe hängen miteinander zusammen, bezeichnen aber nicht dasselbe.
Selbstvertrauen zeigt sich stärker in der Frage: „Traue ich mir das zu?“ Du kannst beispielsweise großes Vertrauen in deine beruflichen Fähigkeiten haben und trotzdem empfindlich darauf reagieren, wenn du persönlich abgelehnt wirst. Selbstvertrauen kann deshalb je nach Lebensbereich sehr unterschiedlich ausgeprägt sein.
Selbstliebe beschreibt weniger eine Bewertung einzelner Fähigkeiten, sondern die Art, wie du dir selbst begegnest. Dazu gehören beispielsweise Selbstannahme, ein respektvoller Umgang mit den eigenen Bedürfnissen und die Fähigkeit, auch in schwierigen Momenten nicht ausschließlich gegen sich selbst zu arbeiten.
Die Bereiche können sich gegenseitig beeinflussen, müssen aber nicht gleich stark ausgeprägt sein. Jemand kann sehr selbstbewusst auftreten und sich viel zutrauen, während sein Selbstwert stark von Anerkennung abhängt. Ebenso bedeutet Selbstliebe nicht, sich immer großartig zu finden oder keine Selbstzweifel mehr zu kennen.
Gerade deshalb lohnt es sich, beim eigenen Selbstwert nicht nur darauf zu schauen, wie sicher du nach außen wirkst. Interessanter ist, wie du innerlich mit dir umgehst, wenn etwas nicht gelingt, jemand dich ablehnt oder du den Erwartungen anderer nicht entsprichst.
Selbstwertgefühl Test: Woran machst du deinen eigenen Wert fest?
Wie stabil dein Selbstwertgefühl ist, zeigt sich häufig besonders deutlich in Situationen, in denen etwas nicht so läuft, wie du es dir gewünscht hast. Die folgenden sechs Fragen können dir eine erste Orientierung geben, wie stark dein Gefühl für den eigenen Wert von Leistung, Anerkennung, Vergleichen oder den Reaktionen anderer beeinflusst wird.
Wichtiger Hinweis: Dieser Test dient ausschließlich der Selbstreflexion und ersten Orientierung. Er stellt keine Diagnose und ersetzt keine medizinische, psychologische oder therapeutische Beratung oder Behandlung.
1. Du machst einen Fehler, der dich ärgert. Was passiert am ehesten?
A: Ich ärgere mich über den Fehler, kann ihn aber von meiner Person trennen.
B: Ich frage mich eine ganze Weile, warum mir das passieren musste.
C: Ich denke schnell, dass ich einfach nicht gut genug bin.
2. Jemand kritisiert etwas, das du getan hast. Wie reagierst du innerlich?
A: Ich prüfe, ob an der Kritik etwas dran ist.
B: Die Kritik beschäftigt mich länger, auch wenn ich sie nicht ganz nachvollziehen kann.
C: Ich fühle mich schnell persönlich abgewertet.
3. Du bekommst für etwas keine Anerkennung, obwohl du dir Mühe gegeben hast. Was trifft am ehesten zu?
A: Ich hätte mich über Anerkennung gefreut, kann meine Leistung aber trotzdem selbst würdigen.
B: Ich frage mich, ob meine Leistung überhaupt gut genug war.
C: Ohne Anerkennung fühlt sich das, was ich geleistet habe, für mich kaum etwas wert an.
4. Eine andere Person ist in einem Bereich erfolgreicher als du. Was löst das bei dir aus?
A: Ich kann ihren Erfolg sehen, ohne meinen eigenen Wert daran zu messen.
B: Ich beginne, mich mit ihr zu vergleichen.
C: Ich habe schnell das Gefühl, weniger wert oder weniger gut zu sein.
5. Jemand ist enttäuscht von dir oder stimmt dir nicht zu. Wie gehst du damit um?
A: Das kann unangenehm sein, aber ich muss deshalb meine Meinung oder Entscheidung nicht sofort infrage stellen.
B: Ich überlege lange, ob ich etwas falsch gemacht habe.
C: Ich versuche möglichst schnell, die Zustimmung der anderen Person zurückzugewinnen.
6. Etwas Wichtiges gelingt dir nicht. Welcher Gedanke kommt deiner Reaktion am nächsten?
A: „Das ist enttäuschend, aber es sagt nicht aus, was ich als Mensch wert bin.“
B: „Warum bekomme ich das nicht so hin wie andere?“
C: „Typisch – ich bin einfach nicht gut genug.“
Was können dir deine Antworten zeigen?
Überwiegend A: Dein eigener Wert scheint in diesen Situationen vergleichsweise wenig davon abzuhängen, ob dir etwas gelingt oder andere dich bestätigen. Das bedeutet nicht, dass Kritik oder Misserfolge dich nicht treffen. Du kannst sie aber eher von der Bewertung deiner gesamten Person trennen.
Überwiegend B: Bestimmte Situationen bringen dich offenbar schneller ins Zweifeln. Interessant kann sein, genauer hinzuschauen, wann das besonders häufig passiert: bei Kritik, Vergleichen, fehlender Anerkennung oder der Angst, andere zu enttäuschen.
Überwiegend C: Deine Antworten können darauf hindeuten, dass dein Gefühl für den eigenen Wert in mehreren Situationen stark von Leistung, Anerkennung oder den Reaktionen anderer beeinflusst wird. Das ist keine Diagnose. Es kann aber ein Anlass sein, genauer zu beobachten, welche Bedingungen du innerlich mit deinem eigenen Wert verknüpfst.
Mindestens genauso interessant wie das Gesamtergebnis ist dein persönliches Muster. Vielleicht reagierst du auf berufliche Fehler relativ gelassen, während Ablehnung in einer Beziehung starke Selbstzweifel auslöst. Selbstwert muss nicht in jedem Lebensbereich gleich stabil sein.
Wenn dein Selbstwert von alten Überzeugungen geprägt wird
Wie du dich heute bewertest, hat oft eine längere Geschichte. Erfahrungen können zu inneren Überzeugungen werden, die irgendwann selbstverständlich erscheinen: „Ich muss leisten, um wertvoll zu sein.“ „Ich darf niemanden enttäuschen.“ „Ich bin nur wichtig, wenn ich gebraucht werde.“ Solche Gedanken müssen dir nicht ständig bewusst sein, um Einfluss darauf zu haben, wie du mit dir selbst umgehst.
Genau an dieser tieferen Ebene setzt mein zweites Buch aus der Reihe „KOPF – Ich zieh dir den Stecker“ an. Es beschäftigt sich unter anderem mit Glaubenssätzen, alten Schutzprogrammen, dem inneren Kind und Selbstliebe – und damit, wie frühere Erfahrungen noch heute Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen beeinflussen können.
Auch die Selbsttests im Buch helfen dir dabei, eigene Muster genauer zu betrachten. Zum Thema dieses Artikels passen besonders die Fragen: „Welche inneren Überzeugungen steuern dein Leben?“ und „Wie trägst du dich innerlich durch dein Leben?“
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Häufige Fragen zum Selbstwertgefühl
In welchem Alter entwickelt sich das Selbstwertgefühl?
Die Grundlagen des Selbstwertgefühls entwickeln sich bereits in der Kindheit. Kinder lernen durch Beziehungen, Rückmeldungen und eigene Erfahrungen, wie sie sich selbst einschätzen und welchen Wert sie sich zuschreiben. Die Entwicklung ist damit jedoch nicht abgeschlossen. Auch im Jugend- und Erwachsenenalter können neue Erfahrungen, Beziehungen und veränderte Bewertungen das Selbstwertgefühl beeinflussen.
Kann sich das Selbstwertgefühl im Erwachsenenalter noch verändern?
Ja. Selbstwertgefühl ist nicht in der Kindheit endgültig festgelegt. Früh entstandene Überzeugungen können zwar sehr vertraut und hartnäckig sein, dennoch können neue Erfahrungen und ein veränderter Umgang mit sich selbst die eigene Selbstbewertung auch später im Leben beeinflussen.
Wie nennt man Menschen mit geringem Selbstwertgefühl?
Dafür gibt es keine besondere neutrale psychologische Bezeichnung, die einen Menschen als bestimmten „Typ“ festlegt. Treffender ist es, von einem Menschen mit geringem oder niedrigem Selbstwertgefühl zu sprechen. Ein geringes Selbstwertgefühl beschreibt einen Aspekt des Erlebens und nicht die gesamte Persönlichkeit.
Ist Selbstwertgefühl angeboren?
Selbstwertgefühl lässt sich nicht sinnvoll auf „angeboren oder erlernt“ reduzieren. Persönliche Voraussetzungen können eine Rolle dabei spielen, wie Menschen auf ihre Umwelt reagieren. Gleichzeitig entwickelt sich die Bewertung der eigenen Person durch Erfahrungen, Beziehungen, Rückmeldungen und die Bedeutung, die diesen Erlebnissen gegeben wird.
Ist Selbstwertgefühl in allen Lebensbereichen gleich?
Nicht unbedingt. Ein Mensch kann sich beispielsweise beruflich sehr kompetent und sicher erleben, während sein Selbstwert in Beziehungen deutlich verletzlicher ist. Deshalb lohnt es sich, nicht nur nach einem allgemeinen Selbstwert zu fragen, sondern auch darauf zu achten, in welchen Situationen die eigene Selbstbewertung besonders ins Wanken gerät.
Dein Selbstwert ist mehr als ein Urteil über dich selbst
Selbstwertgefühl entsteht nicht aus einem einzigen Gedanken und lässt sich auch nicht auf Selbstbewusstsein, Erfolg oder eine positive Einstellung reduzieren. Es entwickelt sich aus vielen Erfahrungen und daraus, welche Bedeutung du diesen Erfahrungen für dich selbst gibst.
Gerade deshalb kann es hilfreich sein, die eigene Selbstbewertung genauer zu beobachten. Wann bleibt dein Gefühl für deinen eigenen Wert bestehen – und wann beginnt es zu wanken? Vielleicht bei Kritik, einem Fehler, fehlender Anerkennung, einem Vergleich oder dann, wenn jemand von dir enttäuscht ist.
Solche Situationen zeigen nicht, was du tatsächlich wert bist. Sie können dir aber zeigen, woran du deinen Wert bisher innerlich festgemacht hast. Und genau darin liegt ein wichtiger Unterschied.
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